Relative Stärke: Gewinnen mit Kontinuität

Systematische Handelsansätze, die durch den Einsatz bestimmter Filter Märkte mit überdurchschnittlich hohem Potenzial frühzeitig zu erkennen versuchen, existieren wie Sand am Meer. In Zeiten leistungsfähiger Computer werden dabei auch sehr komplexe Methoden angewandt, deren Funktionsweise dem gemeinen Anleger kaum nachvollziehbar erscheint: Neuronale Netze seinen als Beispiel genannt. Komplexität als solche aber ist auch im Trading-Geschäft kein Wertgegenstand. Auch einfache Ansätze, die von jedem Investor leicht unter Zuhilfenahme gängiger Tabellenkalkulationsprogramme umgesetzt werden können, sind in der Lage beachtliche Gewinne zu erwirtschaften. Einer der populärsten einfachen Ansätze ist die Strategie der Relativen Stärke, die im vergangenen Jahrhundert von Dr. Robert Levy entwickelt wurde. Levy stellte in einer empirischen Untersuchung fest, dass Aktien, die sich positiv entwickelten, dies mit einer vergleichsweise hohen Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft tun. Diese simple und dennoch sehr nützliche Erkenntnis veranlasste ihn, einen Filter zu entwickeln, der gut performende Werte aus der Masse des Marktes heraussucht. Er verglich dazu den aktuellen Kurs einer Aktie mit dem zu verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit. Seine Untersuchungen zeigten, dass der Vergleich des Kurses in der Gegenwart mit dem von vor sechs Monaten am aussagekräftigsten war. Levy berechnete einen Referenzwert für zahlreiche Aktien nach dieser Methode, der um 1,0 schwankte. Je höher der Wert ausfiel, desto stärker war der Kursanstieg eines Papiers verlaufen. Die Strategie, die er verfolgte, war einfach: Er investierte schlichtweg in die Aktien, die den höchsten Wert aufwiesen.

Der Relative-Stärke-Ansatz wird bis heute verfolgt und konnte auch in diesem Jahrzehnt beachtliche Erfolge aufweisen. Besonders wirkungsvoll zeigte sich die Systematik in Verbindung mit einem quantitativen Korrektiv: In schlechten Börsenzeiten, in denen keine Aktie eine ausreichend gute Performance vorweisen konnte, wird im Rahmen der neueren Anwendungen des Levy-Prinzips gar nicht investiert. Ein Stopp-Loss ist in den Überlegungen ohnehin enthalten: Entwickelt sich eine Aktie schlecht, fällt ihre Relative-Stärke-Wert automatisch hinter den anderer Papiere zurück und die schwächelnde Aktien wird aussortiert.

Der Ansatz nach Levy eignet sich für unterschiedlichste Anlagezwecke. Mittelfristig orientierte Investoren können an den stärksten Marktimpulsen einer Hausse profitieren und so den Markt schlagen. Kurzfristig kann der Relative-Stärke-Filter in Kombination mit Oszillatoren dazu genutzt werden, Rücksetzer zum kurzfristigen Einstieg zu nutzen – Schwächephasen guter Aktien in einem starken Marktumfeld schließlich dauern der Erfahrung nach nicht lang. Die Relative Stärke lässt sich nur auf Einzelaktien plausibel anwenden: Die Übertragung des Ansatzes auf große Indizes ist nicht sinnvoll, da dabei das Korrektiv, das ein positives Marktumfeld erfordert, verloren geht.

Nicht zu verwechseln ist der Ansatz mit der relativen Stärke, die die Performance einer Aktie im Vergleich zum Gesamtmarkt angibt: Die Relative Stärke nach Levy bezieht sich ausschließlich auf die Dynamik in der Kursentwicklung eines Einzelwertes und setzt diese nicht in Relation zum Gesamtmarkt. Der Einsatz der Strategie in Verbindung mit Alpha-Strategien, die auf die Outperformance eines Wertes gegenüber einem anderen setzen, ist allerdings möglich und durchaus sinnvoll: Wer eine Aktie mit einem hohen Relative-Stärke-Faktor kauft und gleichzeitig eine solche mit einem niedrigen Wert shortet, hat gute Chancen, als Gewinner aus dem Geschäft hervorzugehen. Auch Alphastrategien in Verbindung mit dem Gesamtmarkt sind möglich: Da sich der Empirie nach Aktien mit einer großen inneren Trendstärke über einen längeren Zeitraum positiv entwickeln und den Gesamtmarkt hinter sich lassen, sind auch hier erfolgversprechende Engagements möglich.

Der besondere Reiz des Ansatzes liegt in seiner einfachen Handhabe: Mit einem simplen Tabellenkalkulationsprogamm lassen sich alle erforderlichen Berechnungen durchführen. In fast jeder gängigen Börsensoftware allerdings lässt sich die Relative Stärke ohnehin mit wenigen Mausklicks für verschiedenste Märkte errechnen. Derzeit erscheint der Einsatz von Levys Strategie zwar aufgrund des insgesamt sehr schlechten Börsen-Klimas wenig sinnvoll. Wenn die Krise überwunden ist und die Notierungen an den Equity-Märkten wieder anziehen, wird sich dies aber schnell ändern und die Spekulation auf Aktien mit großer Trendkontinuität wird wieder hoffähig sein.

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